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Bernhard Igel (UZ) zu »Heimatsüchrig«
unsere zeit | Artikel in der Ausgabe vom 12. Juni 2009
Expressiv und eruptiv
Manfred Hockes »Heimatsüchtig«
Manfred Hocke, 1933 in der Tschepine, dem roten Arbeiterviertel Breslaus, geboren, diplomierter Slawist und bis zu seiner "Abwicklung" im 56. Lebensjahr als Dramaturg berufener Förderer von Dramatik und Filmkunst, hat in der Reihe "rote taschenbücher" des Wiljo Heinen Verlags sein erstes Buch mit schöngeistigen Texten herausgebracht. Es trägt den vielsagenden und provozierenden Titel "Heimatsüchtig" und vereint zwei in ihrem Genre höchst unterschiedliche, aber thematisch miteinander sympathisierende realistische Texte: die Erzählung "Von Breslau über Bautzen nach Berlin" und das "Hörspiel ohne Titel", ein Spiel zu zweit. Beide Texte sind deutlich autobiografisch und in ihrer literarischen Gestaltung ein unverkennbares Spiegelbild ihres Verfassers, der im übrigen mit seinen seit Jahren in verschiedenen Periodika publizierten spontan-kritischen Archie-Geschichten einem größeren linken Leserkreis gut bekannt sein dürfte.
In der Erzählung "Von Breslau über Bautzen nach Berlin" werden aus dem Blickwinkel eines zwölfjährigen Jungen, also in personaler Erzählhaltung, schicksalsschwere, erschütternde und prägende Ereignisse in Breslau und der Lausitz um 1945 erzählt. Wir erleben einen Halbwüchsigen im Umfeld seiner durch ihre soziale Lage und den faschistischen Krieg gezeichneten Arbeiterfamilie als Aufbrechenden in die aus den Fugen geratene Welt der Erwachsenen. Wesentliches nimmt in bewegenden Rückblenden literarische Gestalt an: das armselige Leben in der Tschepine, der Faschismus mit seinen Gräueln, die Vertreibung aus der Stadt an der Oder, Übergriffe von Russen und Polen, Vergewaltigungen und die vorübergehende Ansiedlung in der Lausitz, überschattet von der bitteren Erfahrung, als Fremder dort nicht erwünscht zu sein.
Hockes Erzählung gleicht einem gedrängt vorgetragenen Filmexposé. Die expressiven, oft eruptiv sich gegenseitig bedrängenden Einfälle des Autors schlagen sich folgerichtig in seinem Stil sowie in der damit verbundenen Syntax und der Interpunktion, aber auch in der getroffenen Wortwahl nieder. Dialektismen sorgen für eine lokale schlesische Färbung, umgangssprachliche Ausdrücke und volkstümliche Redewendungen gehören zur sozialen Fundierung des Erzählten. Wir begegnen der großen Bedeutung der kleinen Dinge mit ihren lebenslang bleibenden Einflüssen. Man muss jene Monate um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nicht selbst erlebt haben, um verinnerlichen zu können, was uns Manfred Hocke, literarisch geformt, aus seiner Kindheit und frühen Jugend emotional bewegt und bildkräftig darstellt.
Das ebenfalls autobiografisch unterlegte "Hörspiel ohne Titel" gibt uns in seinen von Anspielungen aller Art reichen Dialogen markante Einblicke in das Leben eines Ehepaars, genannt ER und SIE, und in die sie berührenden Angelegenheiten des öffentlichen Lebens während der 50er, der 70er und der 90er Jahre - also in zwei unterschiedlichen Entwicklungsphasen der DDR sowie in die Zeit der "Abwicklungen" nach ihrer Inbesitznahme durch die BRD. Die Dialoge, deren Gestaltung dem gelernten Dramaturgen offensichtlich nicht schwer fallen, vermitteln ein subjektiv gebrochenes Bild der DDR-Gesellschaft mit ihren Widersprüchen, Unzulänglichkeiten und Ärgernissen, mit den geweckten Hoffnungen, erreichten Erfolgen, aber auch mit den zunehmenden Enttäuschungen und schließlich der Niederlage in der gewendeten Gesellschaft. Die in den Zwiegesprächen geäußerten Wertungen und Urteile über Ost und West erwachsen sämtlich aus den individuellen Lebenserfahrungen der beiden Gesprächspartner. Sie erhellen gleichzeitig deren Charakter im Kleinen wie den der Gesellschaft im Großen. Die eigentlichen Konflikte liegen weit außerhalb der Dialoge. Sie sind quasi deren Ursache. Es entstehen so in ausgewählten Segmenten zwei "Biografien": die von Ihm und Ihr sowie jene der von den beiden betrachteten und beurteilten deutschen Gesellschaftsordnungen. Der Bogen reicht vom kritischen Blick auf deren Obrigkeiten hier wie dort bis hin zum "abgewickelten" Intellektuellen, dem "Emigranten im eigenen Land". Folgerichtig fallen dabei Fragen wie: "Ja, was ist aus unseren Träumen geworden?" Und: "Wozu sind wir noch nütze?" Thematisch miteinander verbunden sind beide Texte, die Erzählung und das Hörspiel, durch ihren Bilanz-Charakter. Bilanziert werden die dominierenden gesellschaftlichen Ereignisse um 1945 und danach sowie die der Zeit nach der Gründung der DDR und deren Ende. Gleichermaßen bilanziert der Autor seine eigene Existenz als Betroffener sowie als in diesem Labyrinth der epochalen Umbrüche und menschlichen Schicksale bewusst tätiger Intellektueller.
Das Taschenbuch "Heimatsüchtig" erweist sich als Ausdruck einer neuen Qualität der schriftstellerischen Bemühungen Manfred Hockes.
Bernhard Igel

