»Leipzigs Neue«, Ausgabe 4/2008 vom 22. Februar 2008

Unverkrampft und keineswegs immer
auf der Höhe der Geschichte

Maxi Wartelsteiner

Maxi Wartelsteiner ist Chefredakteurin der »Leipzigs Neue«

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Diese „Kladden“ gelesen zu haben und Klügeres oder von mir aus auch bloß Anschaulicheres sagen zu wollen als es ihr Schreiber in seinem Vorwort tat, wäre pure Eitelkeit. Also lass ich es. Schnipsel kann man eh nicht rezensieren. Aber Appetit auf Armin Stolpers „Sudelbücher“ und Urlaubsnotizen über seine geliebte stolze Republik will ich schon machen, wie gesagt, am besten mit seinem eigenen Vorwort. Ich musste es nur, dem kleinen LN-Format geschuldet, leicht kürzen. • M. W.

Stolper also schreibt:

Dieser Tage fand ich unter einem Wust von Reise-Notizen, Aufzeichnungen aus dem Krankenhaus, einem Reit-Tagebuch, Theaterkalendern und anderem Kram zwei in Leinen gebundene Bücher, deren einstmals leere Seiten ich in den Jahren von 1971 bis 1976 vollgeschrieben habe. ... und als ich jetzt in den Kladden las, wurde mir etwas wehmütig ums Herz. Kladde ist vielleicht wirklich das richtige Wort, denn wie ich in meinem Duden aus vergangenen Zeiten nachlas, handelt es sich dabei um erste Niederschriften, auch um ein Geschäftsbuch.

Und das sind diese beiden Bücher in der Tat. Unzensierte, erste Notate, aus denen ich manches in meinen Stücken und Büchern verarbeitet habe, und in dem Sinne kann ich sie auch als Geschäftsbücher bezeichnen. ... Und je länger ich in meinen Aufzeichnungen blätterte, die oft von eingeklebten Zeitungsausschnitten ergänzt wurden, merkte ich, daß hier meine geliebte stolze Republik und mein Arbeitsleben in ihr fröhliche Urständ feierten.

Ich habe ja zu DDR-Zeiten von diesem Land und seinen Leuten mit meinen Mitteln und Möglichkeiten immer wieder erzählt, und, wie ich mir einbilde, es keinesfalls als Idylle, Musterländle oder Eldorado aller ehrlichen Sozialisten dargestellt. Nach seinem Verschwinden von der politischen Landkarte habe ich eine Reihe von Büchern herausbringen können, in denen das Bewußtsein von diesem unvergessenen Land wachgehalten wird. ... hier begegnete ich unserem Leben in diesem Lande auf eine Weise, die mich heute ganz besonders berührt. Im Kampf gegen alle Verhunzer dieses Unternehmens bin auch ich immer wieder veranlaßt, die DDR generell und vehement zu verteidigen und sie nicht ihren Vernichtern preiszugeben. Das ist richtig, und davon will ich nichts zurücknehmen oder abstreichen. Aber in diesem Bestreben beobachte ich bei mir und Gleichgesonnenen etwas, was so wieder auch nicht der gewesenen Realität entspricht. ... Bei der Aufzählung aller unbestreitbaren Errungenschaften, die wir freilich in sträflicher Weise als viel zu selbstverständlich hinnahmen und von denen wir zumeist kein großes Aufhebens machten, vergessen wir allzu oft, wie unverkrampft und keineswegs auf den Höhen der Geschichte stehend wir in diesem Lande gelebt haben; wie manches uns anstank, was für Witze wir machten, wie wir gegen die Obrigkeit und alle Verfehlungen wetterten, die uns schwer zu schaffen machten, wie blöde man sich oft selber benahm.

Und das soll ein Beweis für die Lebens- und Liebenswürdigkeit der DDR sein? Ja, gerade das, denn ein Land ist nie mehr als seine Leute hergeben. ... Und im Wissen darum, daß man dieses Land und seine Leute nicht genug preisen kann, auch und gerade, wenn man seine und ihre Grenzen sieht, ihre Endlichkeiten, die meilenweit von oft herbeigeredeten Vollkommenheiten entfernt waren, lasse ich die geneigten Leser an dem Vergnügen teilnehmen, den mir das neuerliche Durchblättern meiner Kladden aus DDR-Zeiten machte. Und ich schwöre alle sozialistischen Eide, daß ich mich dabei nicht als Zensor der alten oder neuen Schule betätigt habe. Alle Blödheiten, Frechheiten und Ferkeleien sind stehen geblieben; manchmal ist, der besseren Lesbarkeit wegen, die Reihenfolge etwas verändert worden.

Aber damit, geneigte Leserin, geneigter Leser, nicht genug. Beim weiteren Stöbern in dem Kramladen der Vergangenheit fand ich auch meine Aufzeichnungen, die ich in dem Oberlausitzer Dorf Herrenwalde 1984 und 1985 gemacht hatte, wo wir damals für uns typische DDR-Urlaubswochen verbrachten. Wahnsinn, würde mein Münchener Freund, der Schauspieler Franzl A. Huber, sagen ...

Der Verfasser, Berlin, im August 2006