»Neues Deutschland«:
14. Juni 2008

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Originalartikel

Per Wartburg über die Grenze
Von Gisela Karau

Eberhard Panitz: »Deutschland hin und zurück«

»Konnten Sie denn auch reisen?«, fragte mich eine Schülerin in Ansbach bei meiner ersten Lesung im Westen Anfang der 90er Jahre. »Ja«, erwiderte ich, »nach Polen, in die Sowjetunion, die Tschechoslowakei, nach Ungarn, Bulgarien, Rumänien...« »Das meine ich nicht«, unterbrach mich das Mädchen. »Ich weiß, was du meinst«, sagte ich, »aber warst du denn schon in diesen Ländern?« War sie natürlich nicht. Reisen, das bedeutete für sie, sich in der westlichen Welt umzusehen, jenseits der Mauer. An diesen Dialog musste ich denken, als ich das Büchlein von Eberhard Panitz las. Er nennt die 1965 vom Kulturministerium initiierte Tour mehrerer DDR-Schriftsteller durch die Bundesrepublik eine kleine Reise im Gegensatz zu den großen Reisen, die er zuvor unternommen hatte: nach Moskau und Prag, nach Bukarest, Sofia, Sotschi, Warna, Ulan Bator und Havanna. Nun ging es an den Main, in den Spessart, nach Bamberg, Würzburg, Nürnberg, Regensburg, München und so weiter. Eine Reise von Deutschland nach Deutschland und zurück. Natürlich zurück. Panitz hätte im Westen bleiben können, das Angebot gab es, von einem angeblichen Journalisten, sogar mit großzügiger Einstiegsfinanzierung. Man musste mit dem Klammerbeutel gepudert sein, um nicht zu durchschauen, wer der Mann wirklich war: ein Geheimdienstler mit angenehmen Umgangsformen.

Der Schriftsteller sah sich im Land des Wirtschaftswunders um. Ihm war klar, dass man ihm die Reise über die streng gehütete Grenze nicht genehmigt hatte, damit er sich Burgen und Berge und malerische alte Städte anschaute, sondern es wurde erwartet, dass er sich ein politisches Bild von der Republik machte, in der kurz zuvor das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« auf dem Titelbild eine explodierende Atombombe abgebildet hatte und dazu den Text: »Atomminen an der Zonengrenze«. Minutiös wurde beschrieben, wie die Dinger »im Verteidigungsfall« gezündet werden. Zielrichtung Osten. Ein Projekt der NATO-Vorwärtsstrategie.

Panitz hatte das im Kopf, während er in seinem »Wartburg« durch schöne Gegenden fuhr, denen nichts Kriegerisches anzusehen war. In seinem Buch vermerkt er die Freundlichkeit des westdeutschen Grenzbeamten, der sein Staunen, falls er es empfand, zu verbergen wusste und so tat, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, dass ein Ossi nicht etwa bei Nacht und Nebel als todesmutiger Flüchtling angehastet kommt, sondern ganz gemütlich in seinem knatternden Zweitakter ins Land der viel besseren Autos einreist.

Panitz besucht in der Nähe von Fulda seine ehemalige Jugendliebe aus Dresden, deren Wiedersehensfreude sich in Grenzen hält. Vor den Kommunisten ist sie geflohen, und nun kommt ihr einer von denen hinterher. Sie ist Lehrerin wie ihre Freundin, mit der sie die Wohnung teilt, und die Freundin sagt, der Kommunismus sei an und für sich richtig. Sogar kommunistische Bücher hat sie sich nachschicken lassen. Warum ist sie dann abgehauen? Das fragt er nicht. Ihm ist nicht nach Stänkern zu Mute.

In Gaststätten hört er, worüber die Leute an den Nachbartischen so reden. Vor allem über Autos und Autobahnen, nicht über Atomminen und Kalten Krieg. Er liest in den Zeitungen von Mord und Totschlag, besucht eine Gerichtsverhandlung gegen einen Mörder, genießt im Hotel-Bad das angenehm duftende »Badedas«, lässt es sich gutgehen und freut sich doch auf zu Hause.

Auf der Rückfahrt fragt ihn der westdeutsche Zöllner, was er zu verzollen habe. Eine Menge guter und böser Gedanken, doch die behält unser Mann für sich.Verweist auf Bücher, zwei Päckchen Tabak und einen französischen Lippenstift für die Freundin, die ihm sein Manuskript tippen wird. Alles zollfrei. Er hat freie Fahrt, »und hinter dem Streifen Niemandsland steht ein junger Volksarmist, der nicht ahnen kann, wie weit so eine kleine Reise bis zum ihm ist«. Im Nachwort aus dem Jahr 2008 lässt der Autor die Leser wissen, dass er kein Wort an dem Text von 1965 geändert hat. Es ist ein bildhaftes Zeitzeugnis, das auch heute, da vieles nicht mehr so ist wie damals, das Lesen lohnt.

 

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