»Neues Deutschland« vom 19. Dezember 2006
Eberhard Panitz: »Der geheime Rotbannerorden«
Eine Odyssee unserer Zeit
Von Walter Kaufmann
Eberhard Panitz klug aufgebaute »Kaukasische Novelle« ist reich an Geschehen. Eine Spurensuche, die mehr als ein halbes Jahrhundert umfasst, erhellt Stufe für Stufe den Verbleib von Siegfried Fink, Siggi genannt, der in der Illegalität unter Hitler wagemutig war und sich treu blieb, als er im deutschen Kaukasusfeldzug auf die sowjetische Seite überlief, um bei den Partisanen seinen Mann zu stehen.
Bestechend, wie uns Panitz an diesem Punkt der Novelle jenen Kriegsschauplatz durch Zitate aus den Aufzeichnungen Ernst Jüngers und Konstantin Simonows sichtbar macht - zwei Welten! Auf den Spuren des Verschollenen und durch die Erinnerungen derer, die nach ihm suchen, werden wir hineingestoßen in die Gräuel des faschistischen Überfalls, die Bombennächte über Dresden, das Nachkriegschaos in deutschen Landen und im fernen Wien; wir erleben die Brechtschen Mühen der Ebenen beim Aufbau der DDR und die Anstrengungen dort, mit dem Deutschland jenseits der Grenzen Schritt zu halten. Der verschollene, von Tochter und Freunden sehnlichst zurückerwartete Siegfried Fink bleibt im Fokus - er nimmt Gestalt an, gewinnt Konturen, der Haudegen von einst bewährt sich in Friedenszeiten, den kalten Kriegszeiten, wir finden ihn nach Wien verschlagen, und wieder im Kaukasus. Kaukasische Novelle, in der Tat! Die Gegenkräfte im Kalten Krieg werden sichtbar durch Einblicke in die Schriften des Manfred von Ardenne und Max Steenbeck, die an der Spitze deutscher Wissenschaftler im kaukasischen Exil Forschungsarbeit leisteten. »Die Sowjetunion musste ihre Bombe haben ..., das war nach wie vor meine Überzeugung«, wird Max Steenbeck zitiert.
Berüchtigte und Berühmte wie Stalin, Berija, Gorbatschow, Kaukasier alle, tauchen auf, auf deren Taten ein Schlaglicht fällt. So wird die Novelle zu einem beachtlichen Geflecht. Panitz hat die Zeit erfasst - und für den Leser Fragen, die jene Zeit berühren: Warum und durch wen wurde Siegfried Finks Frau entführt? Was verbirgt sich hinter der geistigen Verwirrung jener kaukasischen Schönen? Warum wurde die geheimnisvolle Bildpostkarte aus Wien gestohlen? Die Antworten, und weit mehr noch als nur darauf, ergeben sich aus der Suche nach dem Verschollenen - der bis zuletzt verschollen bleibt. Und doch immer deutlicher zutage tritt: Widerstandskämpfer, Wehrmachtssoldat, Erstürmer des mächtigen Elbrus, Partisan, Liebender, ein mit dem Rotbannerorden ausgezeichneter Rotarmist, und schließlich tragisch gedemütigter Einzelgänger.
Nicht von ungefähr hat Panitz seiner Novelle das Goethe-Zitat beigegeben: »Eine einzelne Begebenheit ist interessant, nicht weil sie erklärbar oder wahrscheinlich, sondern weil sie wahr ist.«