Die Überschrift zu meiner Rezension »Nur hysterische Historiker?« ist schon fast die einzige kritische Bemerkung zum Buch. Denn hysterisch mögen sie sein, Historiker sind sie allesamt nicht! Zwei weitere kleine beziehen sich auf unnötige häufige Wiederholungen (zum Fall Burianek und zu Frau Birthler). Außerdem bin ich davon überzeugt, dass die Angabe auf S. 234 über Hunderttausende Tote in amerikanischen Kriegsgefangenenlagern am Rhein nach 1945 übertrieben ist. Ich war auch in einem solchen Lager. Es waren schlimme Zustände dort, aber Hunderttausende Tote, die gab es gewiss nicht.
Zur Methode. Schneider untersucht in 11 Kapiteln, wozu noch ein Fazit gehört, die Problematik der Eigentumsverhältnisse, der Macht- und Regierungsstrukturen, der Außenpolitik, der Ideologie, der Repressionsapparate, Justiz und Geheimdienste, der Kirchen und der Politik. Er führt jeweils in das Problem ein, nennt Namen und belebt mit Quellentexten die kritischen oder kritisierten Positionen. Beispielsweise kann man nachlesen, was der Senatsausschuss des amerikanischen Senats zur Orientierung für die Nachkriegszeit in der amerikanischen Besatzungzone auf deutschem Boden festgehalten hat. (S. 63). Es gibt genaue Angaben über das alte Nazipersonal, das beim Aufbau bundesdeutscher Regierungseinrichtungen benutzt wurde (S. 81): 21 Minister und Staatssekretäre, 100 Generale und Admirale der Bundeswehr, 828 hohe Justizbeamte, Staatsanwälte und Richter, 245 Beamte der Polizei und des Verfassungsschutzes, kommen aus dem Nazistaat. Schneider stellt dem gegenüber, woraus sich das Potenzial der DDR zusammensetzte. Es handelt sich durchweg um Widerstandskämpfer, um Verfolgte, um aktive Gegner des Faschismus. Beispielhaft sei auf Seite 139 verwiesen. Dort stehen die Namen solcher aktiven Antinazis (über eine ganze Seite hinweg - und das ist nur eines von vielen möglichen Beispielen). Sie waren allesamt Namensträger für Kasernen der Nationalen Volksarmee in der DDR, und diese Namen wurden allesamt nach 1989/90 von der Konterrevolution ausgelöscht! Also die Namen von Hingerichteten wie Etkar Andre, Bernard Bästlein, Herbert Baum, Arthur Becker, Hans Beimler, Rudolf Breitscheid, Hans Coppi, David Harnack, Lieselotte Hermann, Walter Husemann usw. (Seite 131) Und wie stand es um die Justiz? Die Nazis hatten in Griechenland 91 000 Menschen bei Geiselerschießungen umgebracht, zusätzlich 30 000 bei »Strafaktionen«, 1 600 Dörfer zerstört. Die bundesdeutsche Justiz führte 392 Ermittlungsverfahren gegen insgesamt 1 269 Angehörige der Wehrmacht, der Polizei. Das Ergebnis? Kein einziger dieser Täter ist von westdeutschen Gerichten verurteilt worden.
Schneider stellt in den einzelnen Analysen der angeführten Bereiche jeweils die Verhältnisse in den beiden deutschen Staaten gegenüber, um anhand solchen Materials den grundsätzlichen, den qualitativen Unterschied zwischen beiden Staaten, beiden Systemen herauszuarbeiten. Und dieses Material ist darum so wichtig, weil die alten »Braunbücher« der DDR in der Regel nicht mehr zur Hand sind. Aber das geistige »Futter« dieses Buches ist willkommener Ersatz für die konkrete Auseinandersetzung.
Es erfolgt der Nachweis, dass unsere »Freiheitlich demokratische Grundordnung« mitgeprägt wurde durch den braunen Sumpf, der vor ihr existierte. Damit der braune Dreck verschwiegen werden kann, wird die Mythologie vom Totalitarismus herangezogen. So möchte man die DDR in den Anklagezustand versetzen. Es werden Dinge herangezogen, die entweder tatsächlich an der Oberfläche gleich sind, oder es wird solange manipuliert, bis der Eindruck von Gleichheit entsteht. Nach dieser Manipulation wird dann Gleichheit behauptet. Also: Jakobiner verübten Terror, auch die SA verübte Terror. Also sind Französische Revolution und Nazifaschismus ein und dasselbe. Jedem Geschichtskenner springt der Unsinn solcher Vorgehensweise sofort ins Auge. Es wird verschwiegen, dass Hannah Arendt in ihren großen Studien zum Thema ausdrücklich gesagt hat, dass die DDR kein totalitärer Staat sei. Es wird unterschlagen, dass eine ziemlich lange Zeit im Westen erzählt wird, Kapitalismus und Sozialismus würden sich auf der Grundlage von Konvergenz einander sich immer mehr annähernd, immer gleichartiger werden. Das ist doch das Gegenteil von Totalitarismus. Außerdem wird natürlich darüber hinweggesehen, dass die Totalitarismus-Mythologie, auch nach Auffassung gar mancher westlicher Forscher eine Pleite erlebt hat. (S. 44). Das Buch ist flüssig geschrieben, man merkt dem Autor die Ausbildung zum Schulmann, zum Lehrer an und stolpert nicht über unverständliche Fremdworte. Man sollte es sich aufbewahren, denn man kommt immer mal wieder in die »Verlegenheit«, Material für einen polemischen Artikel zu suchen, hier findet man Vieles, das Namensregister erleichtert es.