"Es muss an mir liegen, dass ich immer wieder an untypische Menschen in untypischen Umständen gerate", sagte Walter Kaufmann 1964 zu einem Rostocker Verleger, dem eine bestimmte Person in dem Roman des Autors nicht passte.
Dieser Satz könnte als Motto über dem "Mosaik eines Lebens auf drei Kontinenten" stehen - so der Untertitel zu Kaufmanns Kurz- und Kürzest-Geschichten. Ein Mosaik aus Kindheitserinnerungen an Duisburg, wo er als Adoptivkind eines jüdischen Anwaltsehepaares aufwuchs, an Großbritannien, wohin er 1939 über die Niederlande entkommen konnte, nachdem die Adoptiveltern von den Nazis im Konzentrationslager ermordet wurden. Mosaiksteinchen von der Überfahrt nach Australien, wo er als Landarbeiter, Obstpflücker und Seemann sein Leben fristete und später als Kriegsfreiwilliger vier Jahre in der australischen Armee diente. Erinnerungssplitter an Warschau, wo er die Weltjugendfestspiele 1955 als Delegierter der australischen Seeleute erlebte, an Moskau und die Krim, an Rumänien, Südamerika, die Fidschi-Inseln und Berlin/DDR, wohin er 1957 übersiedelte.
All diese Orte, Länder, Kontinente, erlebt Kaufmann durch Menschen, die er dort trifft. "Untypische" Menschen, mit denen er spricht, deren Geschichte er manchmal mehr ahnt als erfährt. Für Kaufmann heißt jede Begegnung - lernen mit Widersprüchen umzugehen. Auf knappen zwei Seiten erzählt er in "Albury, Australien 1943", von der Begegnung mit Colin Cartwright, einem Liebhaber der Musik von Beethoven, Brahms, Haydn, der vom aktuellen Deutschland "nur begrenzte Vorstellungen" hat und dem diese genügen. Kaufmann, der an dem Schicksal seiner Eltern litt, "an den Nachrichten von Verschleppung und Mord", und jeder Kunde vom Verlauf des Krieges nachging, brachte dafür wenig Verständnis auf. Aber: Gleichzeitig erweckte Colins Hingabe an deutsche Musik "Sehnsucht in mir, Vorstellungen von einem Deutschland, das ich nie gekannt hatte." Diese Vorstellung führte auch zur Rückkehr in das "neue Deutschland", das die DDR für viele ins Exil getriebene Künstler nach 1945 wurde. Er fuhr als Matrose auf Schiffen der DDR-Handelsmarine nach Südamerika und arbeitete seit Ende der 1950er Jahre als Schriftsteller. Von 1985 bis 1993 war er Mitglied des PEN-Zentrums der DDR und gehört heute dem PEN-Zentrum Deutschland an. Kaufmann ist ein Meister der klassischen angloamerikanischen Literaturform der "short story", wie sie auch Hemingway schrieb - kurze, prägnante Geschichten "von" einfachen Menschen, nicht "über" sie. Niemals schaut der Autor auf seine Gesprächspartner herab - er sieht ihnen ins Gesicht, sagt, was Sache ist, steht dazu und - gewinnt Vertrauen, Respekt und menschliche Vertrautheit. Das ist so, als er nach seiner Einmusterung in die australische Armee sechs Wochen zu spät zu seiner Einheit kommt, weil er bei einer Frau die Ausfahrt des Schiffes verpasst. Das ist schon so, als der sechsjährige Schüler die große Pause verlängert, weil er "eine Eidechse besucht". Und diese selbstverständliche Haltung des gegenseitigen Respekts gilt auch für den Schuhputzer, "alt genug, mein Vater zu sein", den er am Flughafen San Francisco vergeblich davon abzuhalten versucht, immer noch mehr Glanz auf seine Schuhe zu bringen.
Kosmopolit, Internationalist im besten Sinne des Wortes ist Walter Kaufmann. Einer, der die Menschen liebt und respektiert, einer, der das Regionale seiner Heimat Duisburg verbindet mit der weiten Welt. Einer, der so schreibt, dass das Lesen wieder Spaßt macht. Auch, wenn die Geschichten dieses Buches bereits vor fast zwanzig Jahren erstmals erschienen sind, diese Neuauflage war nötig!. In seiner Laudatio zur Verleihung des Literaturpreises der Ruhr-Region sagte Paul Gerhard Klusmann zu einem anderen Buch Kaufmanns, dem er "gerade heute viele junge Leser" wünscht: "Wir nehmen teil an Gewerkschaftsversammlungen unter hartem politischen Druck, wir durchschauen die Verführungen der nationalsozialistischen Parolen und Machenschaften, wir machen spannungsreiche und bedrängende Erfahrungen mit den Aktionen im Untergrund".
P.S.: Und deshalb gehe ich jetzt in die Bibliothek und besorge mir "Stimmen im Sturm", erstmals erschienen 1953 in Melbourne in englischer Sprache, den "Roman für alle", über die Kindheit und Jugend in Duisburg in den Jahren des heraufkommenden Faschismus.