Kuba im Jahr 2006 – Fidel Castro hat seine Ämter und Funktionen an eine kollektive Führung übergeben und hält sich seitdem als Repräsentant der offiziellen Politik des sozialistischen Inselstaates zurück. Mehr denn je bewegt seither die Frage nach der Zukunft dieses Entwicklungsmodels die Gemüter vor allem derjenigen, die im »Socialismo tropical« eine Alternative zu kapitalistischen Herrschaftssystemen sehen. Obgleich die internationale wirtschaftliche und politische Isolierung Kubas durch den sich festigenden Linksblock in Lateinamerika weitgehend überwunden ist, hat Kuba jedoch nach wie vor einen Sonderstatus inne. Vor allem angesichts der völkerrechtswidrigen Blockadepolitik der Vereinigten Staaten von Arnerika und der bislang komplizenhaften Politik der Europäischen Union gegenüber dem Karibikstaat steht Kuba trotz des bolivarianischen, antiimperialistischen Prozesses in Venezuela schlechthin symbolisch für eine sozialistische und unabhängige Politik, die 90 Meilen vor der Küste des mächtigsten und aggressivsten Imperiums der Welt seit 40 Jahren unbeirrt und trotz zahlreicher Hemmnisse fortgeführt wird.
Heinz Langer, ehemaliger Botschafter der Deutschen Demokratischen Republik in Kuba und dort von 1975-1979 und von 1983-1986 tätig, beschreibt in seinem Buch »Kuba. La revolución dinámica - Die lebendige Revolution« die Entwicklungen Kubas in jüngster Zeit. Er versucht anhand umfangreichen Faktenmaterials und unter Herausstellung der nationalen Besonderheiten des sozialistischen Entwicklungsweges eine Antwort auf die Frage zu geben, ob die kubanische Revolution auch ohne Fidel Castro und unter den neuen weltpolitisch veränderten Bedingungen überleben kann.
Um diese Frage zu beantworten oder zumindest eine realistische Einschätzung der Zukunftsfahigkeit des sozialistischen Kuba geben zu können, geht Langer zunächst detailliert auf die Entstehungsgeschichte der kubanischen Revolution ein. Denn das Wissen um die Tatsache, dass das kubanische Volk bereits Jahrhunderte lang um nationale Unabhängigkeit und Würde kämpfte, ist notwendig, um die Stabilität des heutigen, unabhängigen Kuba annähernd einschätzen zu können. So stellte sich die revolutionäre Regierung Kubas seit dem militärischen Sieg der Guerillaarmee stets in die Tradition derjenigen, die schon für die Unabhängigkeit Kubas von Spanien und den USA kämpften und ihr Leben in diesen Kämpfen ließen. Auch die Umstände der Organisierung des Widerstandes gegen den Diktator Batista beleuchtet der Autor. In einem weiteren Kapitel, das sich der Geschichte Kubas seit der Revolution von 1959 widmet, wird das Verhalten der USA und weiterer westlicher Staaten gegenüber dem revolutionären Kuba beschrieben. Detailliert werden dabei die Methoden und Praktiken der verschiedenen US-Administrationen geschildert, die allesamt das Ziel verfolgten, Kuba wieder der eigenen Machtsphäre anzugliedern. Die US-gestützte Invasion in der Playa Giron (Schweinebucht) ist dabei nur der augenfälligste Versuch, die von Fidel Castro geleitete Revolutionsregierung zu stürzen. Heinz Langer äußert sich zu den verschiedenen kriegerischen Akten gegen Kuba folgendermaßen: »Der von den USA entfesselte Krieg wurde zur Staatspolitik, was stets im Verlauf der Geschichte offenbar war und anhand der zahlreichen – sogar in den USA veröffentlichten – Informationen bestätigt wurde. Die antikubanischen Maßnahmen geben Aufschluss über eine Vielzahl von politischen, militärischen, ökonomischen, biologischen, diplomatischen, psychologischen und propagandistischen Aktionen, Spionageunternehmungen, Terroranschlägen und Sabotageakten; die Vorbereitung, Ausrüstung und logistische Unterstützung für bewaffnete Banden sowie geheime Söldnergruppen, Ermutigung zum Desertieren und zur Emigration sowie zahlreiche kriminelle Versuche, die führenden Persönlichkeiten der kubanischen Revolution zu töten.« Besonders auch die aktuellen Maßnahmen der Bush jr.-Regierung finden Berücksichtigung. So werden die Auswirkungen der so genannten Bush-Pläne von 2004 und 2006, die sowohl Einschränkungen und Verschärfungen der bisherigen Beziehungen zu Kuba auf offizieller und individueller Ebene beinhalten, wie auch genaue Vorstellungen von der nachrevolutionären Zeit dargelegt. Den Schwerpunkt des Buches stellen jedoch die Entwicklungen der Politik und Ökonomie Kubas seit den krisenhaften 1990er Jahren dar, in der die kubanische Revolution schwer ins Wanken geriet und sich nur durch zahlreiche Reformen und zum Teil einschneidende Veränderungen über Wasser halten konnte. Diese wirtschaftlichen Umbaumaßnahmen, die letztlich erfolgreich waren sowie die Veränderungen im Gesundheits- und Bildungswesen, den Eckpfeilern der Revolution, schildert Heinz Langer mit großem Kenntnisreichtum und Detailwissen, das er sich bei seinen ständigen Besuchen auch nach Ende seiner offiziellen Tätigkeit erworben hat.
Doch nicht nur die ökonomischen und sozialpolitischen Kennziffern werden behandelt; der Verfasser geht ebenso ausführlich auf die ideologische Entwicklung im heutigen Kuba ein und stellt dar, welche strategische Bedeutung die im Jahr 1999 ausgerufene Schlacht der Ideen (Batalla de Ideas) hat, die die negativen ökonomischen und gesellschaftlichen Erscheinungen der Krise mit konkreten Programmen bekämpfen und den Sozialismus weiter stärken soll. Diese politisch-ideologische Entwicklung, wie auch die ökonomische Rekonsolidierung der Wirtschaft unter Mithilfe vom Venezuela lässt Langer zu dem Schluss kommen, dass die kubanische sozialistische Revolution trotz Unkenrufen auch aus der »vermeintlich linken Szenerie« keineswegs bereits kurz vor ihrem Ende steht.