»junge Welt« vom 09.06.2008

Nichts Neues an der Gysi-Front
von Heinz Reinert

Die meisten Medien-Kommentatoren der Herrschenden hatten für die offiziell als aktuelle Bundestagsstunde ausgegebene jüngste Gregor-Gysi-Treibjagd die alten Vokabeln gewählt, was zu begreifen war, weil die angeblich »neuen Aktenfunde« sich tatsächlich als die Ausgrabung uralter erwiesen. Nur ein Leitartikler der Berliner Morgenpost hatte seine »Ursachen-Forschung« in dem Versäumnis gipfeln lassen, daß 1990 mit Gysi und anderen nicht unerbittlich genug umgegangen worden war: »Denn das beschämende Schauspiel des Gregor Gysi ist nur möglich, weil der Weg zur deutschen Einheit von Vergeben und Vergessen geprägt war. Nur so konnte es zu einem Einigungsvertrag kommen, der eine kriminelle Organisation wie die SED ungehindert in unsere Parteienlandschaft entließ. Nur dieser Wendung der Geschichte verdanken die Schergen und Anwälte der SED-Diktatur das freie Geleit.«

Bislang war oft nur Rücktritt gefordert worden, jetzt also »Aufarbeitung« hinter Gittern! Der junge Linksverlag Wiljo Heinen und sein renommierter Gastautor Klaus Huhn haben sich beeilt und präsentieren beim ND-Pressefest am kommenden Wochenende ihre »Anti-Gysi-Groschenoper«, ein schmales Taschenbuch, das davor bewahrt, den unseligen Kreuzzug gegen Gysi in Vergessenheit geraten zu lassen. Der Autor, bewährt im Durchforschen von Nach-Wende-Politskandalen, präsentiert eine Knapp-Chronik der Gysi-Attacken, die 1990 gestartet wurden und seit fast zwei Jahrzehnten pausenlos aufgewärmt werden. Früher mit dem »Kronzeugen« Gauck – an dessen MfS-Kontakte der Autor mit einer aufschlußreichen Akte erinnert – und heute mit der »Kronzeugin« Birthler, die vom DDR-Außenhandel zum BRD-Aktenhandel gewechselt ist. Diesmal lieferte sie ein Papier, das »Geheimnisse« einer Autofahrt von Grünheide nach Berlin enthüllen soll. Gregor Gysi bekannte nach der Debatte, daß ihn der Haß im Bundestagssaal schockiert habe.

Das Büchlein bietet Hilfe vor der Illusion, daß der Haß gegen die DDR eines Tages nachlassen könnte.

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