»junge Welt« vom 16. April 2007
Auf den Kopf stellen
Der Schriftsteller Eberhard Panitz feiert heute seinen 75. Geburtstag
Von Arnold SchölzelArnold Schölzel ist Chefredakteur der jungen Welt
Am vergangenen Donnerstagabend faßte das Besucherzentrum im Berliner Karl-Liebknecht-Haus die Gäste nicht mehr. Anlaß für den Andrang: Die Aufführung des zweiteiligen DDR-Fernsehfilms »Die unheilige Sophia« nach dem Roman von Eberhard Panitz, gedreht 1974 unter der Regie von Manfred Wekwerth mit Renate Richter in der Titelrolle, Einschaltquote bei der ersten Ausstrahlung: 65 Prozent.
Buch und Film erzählen von einer Frau, die es unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in einem brandenburgischen Dorf gegeben haben muß, in dem sie von der Roten Armee als Bürgermeisterin eingesetzt worden war. Ihre Amtszeit blieb über Jahrzehnte legendär ebenso wie ihr plötzlicher Tod 1946, denn sie habe »wie Robin Hood gefuhrwerkt«, schilderte Erwin Strittmater die Geschichte bereits 1952 Brecht, der sich brennend für den Stoff interessierte. Letzteres ist den Erinnerungen Manfred Wekwerths zu entnehmen, die auszugsweise in der vor einigen Wochen erschienenen Neuauflage des Romans nachzulesen sind.
Wekwerth staunte 1973 nicht schlecht, als ihm Panitz seinen Roman zu lesen gab: Dieselbe Frau, dieselben kuriosen Geschichten von einem ungestümen Anfang des Sozialismus im Osten Deutschlands, gewürzt mit anarchistischer Umverteilung, unkonventioneller Beschaffungskunst von Saatgut bis Wolle und mit der Figur einer »Alteigentümerin« aus Westberlin, über deren nachmalige historische Rolle nach 1990 in den 70er Jahren niemand eine Vorstellung haben konnte. Autor und Regisseur hatten aber eine Ahnung. Im Karl-Liebknecht-Haus gab es verstehendes Gelächter, als sich diese Frau Scalander »aus Jungfernheide/Westberlin« vom Ich-Erzähler mit den Worten verabschiedet: »Ich sage ›Auf Wiedersehen‹. Das sollte Ihnen zu denken geben.«
Es war nicht nur solch Bezug zum Heute, der die Zuschauer drei Stunden fesselte. Der Film ist von einer Frische und Unbekümmertheit, die das Gerede vom grauen Osten als das straft, was es ist: Lüge. Da kam alles zusammen, was den Fernsehfilm zu einem der populärsten der DDR machte eine wunderbare, gleichwohl authentische Geschichte, eine großartige literarische Verarbeitung, in deren Mittelpunkt wie oft bei Panitz eine Frauengestalt steht, eine souveräne Regie und ein unvergleichliches Ensemble. Der Vergleich zum heutigen TV-Angebot rührt zu Tränen.
Den Fernsehgewaltigen in der DDR, ist von Wekwerth zu erfahren, war die Sache unheimlich. Panitz habe die Geschichte der DDR nicht so dargestellt, hieß es, wie sie sich zugetragen habe, nämlich gemäß Parteibeschlüssen. Der Abbruch der Dreharbeiten war bereits angeordnet, konnte aber rückgängig gemacht werden, wie Wekwerth am Donnerstag schilderte. Ähnliches trug sich nach 1990 zu: Die neuen Verwalter der DDR-Fernsehproduktionen fanden ihre Sicht der ostdeutschen Nachkriegsgeschichte im Film nicht wieder und und mäkeln bis heute.
In der sowjetischen Besatzungszone und der DDR waren die deutschen »Normal«verhältnisse aus der Sicht des heutigen Offiziösentums verkehrt. Panitz läßt seine Sophia sagen: »Heilig oder unheilig, wer die Welt auf den Kopf stellt, hält seinen Kopf hin.« Er hat dem Roman einen Prolog und einen Epilog hinzugefügt, in dem er die Rück-Enteignungen ebenso festhält wie das sie begleitende »anschwellende Geschrei, die Verteufelung und Abstrafung des Ostens«. Mit seinem umfangreichen Werk, das er unermüdlich erweitert, ist er nicht nur ein literarischer Chronist der DDR, sondern etwa mit seinen Büchern über Vietnam und Kuba auch ein publizistischer Begleiter revolutionärer Einschnitte in der Welt geworden. Seine »Sophia« bleibt ein Meisterwerk, das den Impuls seines Schreibens wohl zusammenfaßt: Tätige Menschlichkeit, Humor im Umgang mit denen, die ihr aus Schwäche nicht folgen können, Unversöhnlichkeit gegenüber ihren Feinden. Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag!