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Götz Dieckmann (RotFuchs) zu »Chinas Weg«
RotFuchs | Ausgabe Oktober 2009 (PDF)
Wie der Osten erglühte
Wichtige Schrift zum 60. Jahrestag der VR China
Wer wissen will, was die Zukunft bringt, muß sich mit China befassen. Dies nicht nur, weil jeder sechste Mensch auf dem Erdball ein Chinese ist, sondern auch, weil China als einzige der frühen Hochkulturen, anders als etwa Assyrien, alle Stürme der Zeiten überstand und auch heute, in der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise, offenbar recht gut dasteht. Nur im 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war es ernsthaft in Gefahr, kolonial versklavt zu werden. Dieses Schicksal blieb
ihm erspart – dank des heroischen Kampfes des chinesischen Volkes unter Führung der KP Chinas. Der 60. Jahrestag der Volksrepublik ist ein Tag der Würde.
Die Reaktionen sind widerspruchsvoll. Topmanager internationaler Konzerne stehen Schlange, bereit zu jedem Kotau, um sich angesichts der Zuwachsraten Chinas ein Stück des Kuchens zu sichern. Andererseits sehen wir, wie ihre Politiker Gift und Galle speien. Tibetische Anbeter mittelalterlicher Feudalverhältnisse oder uigurische, sich ebenfalls mit religiösen Gewändern tarnende reaktionäre Separatisten, werden zu „Demokraten“ und „Freiheitskämpfern“ stilisiert. Und dann wiederum weigert sich die BRD vorerst, ein halbes Dutzend Guantánamo-Häftlinge gleichen Schlages einreisen zu lassen. Das ist blanke Verlogenheit.
Chinesen haben also wenig Veranlassung, bei der Gestaltung ihrer Verhältnisse „westlichen Empfehlungen“ zu folgen. Sie wissen, daß sie schon Große waren, als die meisten Europäer noch in dunklen Wäldern hausten, von den in ihren Augen fast geschichtslosen Amerikanern der USA ganz zu schweigen.
Zum Herausgeber der Dokumente in deutscher Sprache ist Rolf Berthold berufen wie kein Zweiter. Er hat in Peking studiert, beherrscht Chinesisch in Wort und Schrift, arbeitete lange als Diplomat dort, zuletzt von 1982 bis 1990 als Botschafter der Deutschen Demokratischen Republik. Die Texte hat er mit größtem Gespür für Feinheiten übersetzt.
Vorangestellt hat Genosse Berthold ein knappes Vorwort, in dem er betont: „Der Herausgeber dieses Bandes verschweigt nicht seine eigenen politischen Positionen, aber er hält es für erforderlich, die Positionen der KP Chinas, der führenden Kraft der Entwicklungsprozesse in der VR China, deutlich zu machen.“
Aus seiner Feder stammt das einleitende Kapitel: „Die VR China im ersten Jahrzehnt des XXI. Jahrhunderts“. Hier geht es insbesondere um den XVI. Parteitag der KP Chinas vom November 2002 und den XVII. Parteitag, der im Oktober 2007 stattfand. Eine Fülle von Fakten belegt eine erfolgreiche ökonomische Bilanz. Von nicht geringerem Interesse sind die Ausführungen zur Ausgestaltung des politischen Systems, zur Entwicklung der Partei sowie zu den Grundsätzen der Außenpolitik des Landes.
Hauptteil der Dokumentation ist die fast 200 Druckseiten umfassende und offiziell bestätigte „Kurze Geschichte der KP Chinas“, ein höchst interessanter Abriß, der bis ins Jahr 2001 führt. Ihr Inhalt kann auf begrenztem Raum nicht adäquat dargelegt werden. Man muß das in Gänze lesen, es lohnt sich. Hier wird nichts geschönt, nicht behauptet, der zurückgelegte Weg sei eine ununterbrochene Aneinandereihung von Siegen gewesen. Man kann einiges darüber lernen, wie Kommunisten, bei klarer Analyse eigener Fehler und Irrtümer, mit ihrer Geschichte umgehen sollten. Das betrifft insbesondere auch die Würdigung von Leistungen führender Genossen. Da wird nicht durchgehend negativ gezeichnet, wenn jemand etwa am Ende falsch lag.
Über Mao Zedong ist resümierend zu lesen: „In der ‚Kulturrevolution’ wurde die Partei nicht zerschlagen, sie konnte ihre Einheit bewahren. Staatsrat und Volksbefreiungsarmee waren in der Lage, viele wichtige Arbeiten zu leisten. Das Fundament der sozialistischen Ordnung blieb erhalten, der Staat bewahrte seine Einheit. All das ist von der Rolle Mao Zedongs nicht zu trennen.
Wenn man das gesamte Leben Mao Zedongs betrachtet, hat er sich des Namens eines großen Marxisten würdig erwiesen, er war ein großer proletarischer Revolutionär, Stratege und Theoretiker. Er leistete einen wichtigen Beitrag für die Gründung und Entwicklung der KP Chinas und der Volksbefreiungsarmee Chinas, für die Befreiung aller Nationalitäten Chinas, für die Errichtung der Volksrepublik China. In der zweiten Hälfte seines Lebens führte er die Partei und das Volk im Widerstand gegen Bedrohung und Druck von außen, bei der Verteidigung der Unabhängigkeit des Landes, bei der Schaffung der Grundlagen des Sozialismus in China und der Erkundung des Weges des sozialistischen Aufbaus in China. Diese bedeutenden historischen Verdienste und der schöpferische Geist sind voll und ganz anzuerkennen. Seine Fehler bei der Suche des Weges, insbesondere der ernste Fehler der ‚Kulturrevolution’, hatten zur Folge, daß China beim Aufbau des Sozialismus große Umwege ging und bittere Lehren ziehen mußte. Die Gesamteinschätzung des Lebens Mao Zedongs: Seine Verdienste stehen an erster Stelle, sie sind unauslöschlich.“ (S. 166 f.)
Solche Ausgewogenheit bei der Einschätzung von Genossen, die ja nur im Kontext ihrer Zeit, jedes einzelnen Zeitabschnitts ihres Wirkens, gerecht zu beurteilen sind, haben nicht alle Parteien immer aufzubringen vermocht, auch die SED nicht. Manchem heutigen Text täte Weisheit in dieser Hinsicht ebenfalls gut.
Das Buch enthält Artikel über das „Manifest der Kommunistischen Partei“ in China sowie Darstellungen der Solidarität der KPD mit der chinesischen Revolution aus der Feder Rolf Bertholds und chinesischer Autoren. Das Programm der KP Chinas bildet den Abschluß. Im Anhang finden wir den chinesischen Statistischen Jahresbericht 2008, eine Zeittafel und das Personenregister.
Es empfiehlt sich, parallel zu dieser Lektüre jene Arbeiten Lenins zur Hand zu nehmen, die er über die Unausweichlichkeit und über die Gefahren der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) geschrieben hat: „Sozialismus ist undenkbar ohne großkapitalistische Technik, die nach dem letzten Wort modernster Wissenschaft aufgebaut ist. Die ganze Frage besteht – sowohl theoretisch als auch praktisch – darin, richtige Methoden zu finden, wie man die (bis zu einem gewissen Grade und für eine gewisse Zeit) unvermeidliche Entwicklung des Kapitalismus in das Fahrwasser des Staatskapitalismus lenken soll, welche Bedingungen man hierfür schaffen muß, wie man für die nahe Zukunft die Umwandlung des Staatskapitalismus in den Sozialismus zu sichern hat.“ (LW, 32/346; 358) Man müsse, so Lenin, „ die Dinge nüchtern betrachten: Wer – wen?“ (LW, 33/46)
Prof. Dr. Götz Dieckmann

