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Neues Deutschland | Artikel vom 15. Dezember 2011
Die alten sind auch die neuen Probleme
Herbert Meißner über Trotzki und Trotzkismus
Das Versprechen im Untertitel, eine »marxistische Analyse« zu Trotzki und Trotzkismus gestern und heute zu bieten, ist sicherlich etwas hochtrabend. Dennoch ist die von einem international ausgewiesenen Wirtschaftshistoriker verfasste Streitschrift hoch interessant, auch wenn sie auf keine neuen Quellen verweist. Herbert Meißner verfolgt den Lebensweg des Lew Dawidowitsch Bronstein alias Leo Trotzki als Mitkämpfer und zeitweiliger Gegner Lenins sowie schließlich Erzfeind Stalins, der den »Trotzkismus« erfand als Widerpart des von ihm kreierten »Leninismus«.
Meißners Arbeit besticht durch dreierlei: Zum einen durch das strikte Bemühen, mit der historisch-materialistischen Theorie und Methode zu einem gerechten Urteil über Trotzki zu kommen und das verzerrtes Bild, das es immer noch auch bei gutwilligen Linken gibt, zu überwinden. Zum zweiten durch die von sozialistischer Parteilichkeit getragene Polemik gegenüber jüngeren Geschichtsklitterungen, was das Büchlein zu einer anregenden aktuellen Streitschrift macht. Und drittens wird deutlich, dass die bereits Trotzki umtreibenden Probleme längst nicht von der Geschichte überholt sind, noch heute sozialistische Politik und linke Bewegung beschäftigen.
Verwunderung dürfte bei einigen Lesern erregen, wenn Meißner einerseits zustimmend Trotzki zitiert, der aus dem Exil als Folge der stalinistischen »Degeneration des Arbeiterstaats« prognostizierte: »Entweder stößt die Bürokratie, … die neuen Eigentumsformen um und wirft das Land in den Kapitalismus zurück oder die Arbeiterklasse zerschlägt die Bürokratie und öffnet den Weg zum Sozialismus«, andererseits aber der Autor gegen jüngere trotzkistische Autoren polemisiert, die von »stalinistischer Konterrevolution« sprechen. Und zwar auch hinsichtlich der nach-stalinschen Ära. Was anderes ist seit Jelzin passiert? Die neuen Milliardäre in Russland bestätigen Trotzkis Warnungen. Ebenso argumentiert und urteilt Meißner m. E. historisch falsch, wenn er - wie Ernest Mandel - gegen die eurokommunistischen Parteien Westeuropas wettert oder meint, in der DDR seien Anfang der 60er Jahre stalinistische Deformationen eingetreten, also genau zu jener Zeit, als die SED unter Ulbricht - wenn auch verspätet und zögerlich - damit begann, eben solche zu überwinden und sich vom Stalinismus zu befreien.
Zum Schluss mischt sich Meißner in das teils wilde Getümmel zwischen Linkspartei und dem Grüppchen der trotzkistischen Sozialistischen Alternative (SAV), personifiziert in der »roten Lucy« Redler. Trotz aller Kritik an den Positionen letzterer lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass er in deren Anhängern eine mit großem persönlichem Einsatz und beachtlichem intellektuellem Potenzial für eine sozialistische Alternative eintretende Gruppierung sieht, die es zu gewinnen gelte. Allerdings müsste die SAV ihren sektiererischen Alleinvertretungsanspruch aufgeben und sich, so Meißner, von ideologischen Spinnern wie auch Provokateuren befreien. - Alles in allem ein Büchlein, das als Beitrag für den theoretischen Verständigungsprozess unter Linken geeignet ist.
Heinz Niemann

