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Horst Schneider zur Kontroverse um den Thälmann-Report
RotFuchs | Dezember 2010 als PDF
Der Mops und der Mond
Ein ND-Verriß, der an Thälmann nicht zu kratzen vermag
Nicht nur der „RotFuchs“-Leser weiß: Wenn ein „Held der friedlichen Revolution“ wie Lothar de Maizière seine Legenden vorgestellt hat, kommt das am Abend in den Fernseh-Nachrichten. Wenn Leute wie Sarrazin ihren braunen Sud ablassen, werden sie binnen weniger Tage zu Bestseller-Autoren. Die meisten Medien kennen ihre Rolle im Spiel. Aber was geschieht, wenn ein zweibändiger Thälmann-Report erscheint? Wer hat da in einer überregionalen großen Tageszeitung einen Bericht gefunden?
Das Schweigen im Walde hat Gründe. Die Ideologen der Bourgeoisie sehen auch im toten Thälmann ihren Feind und eine Gefahr wie einst Hitler und Himmler im lebenden Arbeiterführer.
Nach 1990 suchten die neuen Machthaber jede Erinnerung an Thälmann auszulöschen. 2010 ließen sie sogar jene Gedenkstätte in Ziegenhals bei Berlin schleifen, wo er zum letzten Mal vor seinen Mitkämpfern gesprochen hatte.
Was beunruhigt die Politiker und Politikaster im Dienste der herrschenden Klasse bei Thälmann am meisten? Georgi Dimitroff sah in ihm die Verkörperung der revolutionären Theorie, „die sich in unmittelbarem Zusammenhang mit der revolutionären Praxis des kämpfenden Proletariats formiert“. Zum anspornenden Erbe Thälmanns gehören sein Beitrag zur Herausbildung einer marxistisch-leninistischen Partei mit Masseneinfluß in Deutschland und sein kühnes Auftreten als kommunistischer Präsidentschaftskandidat gegen die im Jahre 1932 drohende faschistische Machteroberung sowie sein beispielgebendes Verhalten in den Kerkern der braunen Diktatur. Könnten das vielleicht Gründe dafür sein, daß Ernst Thälmann in der „Ahnengalerie“ des Programmentwurfs der Linkspartei nicht einmal Erwähnung findet? Wie ich rein zufällig erfuhr, wird Thälmanns Leben und Kampf übrigens sogar in den Lehrbüchern des fernen Äthiopien gewürdigt. Warum also nicht bei uns?
Kurz nach dem Erscheinen des „Thälmann-Reports“, den Eberhard Czichon und Heinz Marohn mit Unterstützung Ralph Dobrawas im Verlag Wiljo Heinen herausbrachten, veröffentlichte das ND eine Besprechung unter der recht abfälligen Schlagzeile „Kein Held ohne Fehl und Tadel“. Zunächst ist zu bemerken, daß sich Thälmann selbst nie als ein solcher gesehen hat. Wer von den Älteren kennt nicht seinen „Brief an einen jungen Kerkergenossen“?
Verfasser der ND-Rezension ist ein gewisser Fred Bruder – manchen Verteidigern der Gedenkstätte Ziegenhals in unguter Erinnerung. Dessen Beitrag endet mit den Worten: „Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Czichon und Marohn bieten keinen Thälmann ohne Fehl und Tadel. Dennoch drängt sich dem Leser der Eindruck auf, hier soll ein überwundener Heldenmythos wiederbelebt und fortgeschrieben werden.“
Da wäre so manches zu hinterfragen: Woher will Herr Bruder eigentlich wissen, welchen Eindruck „der Leser“ vom Report hat? Warum darf nur er darüber bestimmen, was andere darüber denken? Und was heißt „überwundener Heldenmythos“?
Darf die Linkspartei, der das ND bekanntlich nahesteht, etwa keine Vorbilder haben? Und wenn doch – warum dann nicht Thälmann? Bruder fragt die Autoren, ob „ein realistisches Thälmannbild“ garantiert sei. Sehen wir uns seinen Beitrag dazu etwas genauer an. Der Hobby-Historiker wählt drei Episoden aus Thälmanns Leben und Kampf aus:
Erstens die „Wittorf-Affäre“, welche die Verfasser des Reports als einen „Konflikt“ betrachten. Es handelte sich um die Unterschlagung von Parteigeldern durch den Hamburger KPD-Funktionär Wittorf, die 1928 aufgedeckt und von den bürgerlichen Medien und einigen parteiinternen Widersachern Thälmanns benutzt wurde, um den KPD-Vorsitzenden loszuwerden. Stalin stellte sich damals an die Seite Thälmanns. Aus dem Sachverhalt, den die beiden Verfasser sorgfältig recherchiert haben, macht Herr Bruder „eine Zäsur nicht nur im Leben Thälmanns, sondern in der Geschichte der KPD“.
Zweitens läßt sich der ND-Rezensent über sein Lieblingsthema aus, ob die Zusammenkunft in Ziegenhals am 7. Februar 1933 eine ZK-Tagung oder „nur“ eine Funktionärskonferenz gewesen sei. Hing etwa von der vollzähligen Anwesenheit aller ZK-Mitglieder die Bedeutung dieser Beratung ab, die bekanntlich unter Bedingungen der Illegalität stattfinden mußte? Übrigens protestierte Herr Bruder mit keinem Wort gegen die Zerstörung der Gedenkstätte!
Drittens versteigt sich B. zu der unbewiesenen Behauptung, Stalin trage Mitverantwortung an Thälmanns Tod. Er wischt die gründlich geprüften Tatsachen einfach vom Tisch und folgt durchsichtigen Zwecklügen. Den folgenden Satz sollte sich der Rezensent patentieren lassen: „Dieser Mord gehörte zur Überlebensstrategie der Nazis.“ Vielleicht findet er auch noch eine „Strategie“, die es gebietet, den toten Thälmann mit der Elle professioneller Antikommunisten zu messen?
Bruder tadelt, daß der Report „von zwei in die Jahre gekommenen Historikern“ geschrieben worden sei, „die bis zu dieser Publikation weder über Thälmann noch über die KPD geforscht“ hätten. Das sind erstaunliche „Argumente“! Ist für den „Thälmann-Forscher“ Bruder Alter etwa eine Schande? Gilt es nicht eher zu rühmen, wenn zwei marxistische Historiker zehn Jahre ihres Ruhestandes dazu nutzen, um die Biographie und das Lebenswerk Thälmanns – dieses großen deutschen Arbeiterführers – gegen Fälschungen und Schmähungen zu verteidigen? Hat Herr Bruder schon den Schatz gehoben, der in den 3860 Anmerkungen des Reports steckt? Ahnt er auch nur das Maß der dort investierten Arbeit?
Herr Bruder hatte den Auftrag zu seiner Besprechung im ND schon volle zwei Jahre vor dem Erscheinen des Werkes von Czichon und Marohn in der Tasche. Warum wurde eigentlich gerade er dafür ausgesucht?
Prof. Dr. Horst Schneider

