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RotFuchs zu »Portugal im April«
Chronik der Portugiesischen Revolution erschienen
Über den weitreichendsten antikapitalistischen Vorstoß in Westeuropa
Unlängst ist die einzige nicht in Portugal geschriebene marxi-stische Chronik der „Nelkenrevolution“ erschienen. Wiljo Heinen brachte sie als erste diesjährige Edition seines jungen Verlages im Januar heraus – liebevoll gestaltet, mit 60 Originalfotos und der Wiedergabe handschriftlicher Aufzeichnungen von General Vasco Gonçalves, dem Premier der beiden Revoluti-onsjahre 1974/75.
1920 empfahl Lenin den russischen Arbeitern John Reeds Report über den Roten Oktober „10 Tage, die die Welt erschütterten“ wegen seiner Bedeutung für das Verständnis der proletarischen Revolution als Lektüre. In der Tat sind Bücher dieser Art eine Fundgrube geschichtlicher Erfahrungen. Sie helfen uns, den Weg in eine sozialistische Zukunft zu finden.
Klaus Steiniger war von 1974 bis 1979 als ND-Korrespondent in Lissabon dabei, wie sich eine kühn vorstoßende Revolution und die sie abfangende Konterrevolution in einem Land ereigneten, hinter dem 48 Jahre faschistischer Schreckensherrschaft lagen.
Die packende Reportage verbindet sachliche Schilderung des Geschehens, einen scharfen Blick für wesentliche Details und deren politische Bewertung mit revolutionärer Leidenschaft. Wir erfahren Wichtiges von wunderbaren Menschen, erleben – wie die Überschrift eines Kapitels lautet – „Helden ohne Podest“. Da ist die junge Landarbeiterin und Kommunistin Catarina Eufémia, eine „proletarische Madonna“, die, ihr acht Monate altes Baby auf dem Arm, als Streikführerin aus wenigen Metern Distanz von einem Gendarmerieoffizier durch gezielte Schüsse niedergestreckt wird. Da ist der Busfahrer António Tereso, der den Ausbruch von neun seiner Genossen aus dem Kerker Caxias mit einer Limousine, die Hitler dem portugiesischen Diktator Salazar zum Geschenk gemacht hatte, zustande bringt. Und da ist António Dias Lourenço, später Direktor des Parteiorgans „Avante!“, der nach den ersten fünf seiner siebzehn Kerkerjahre ausbricht und tollkühn in den Atlantik springt. Dem Tod durch Ertrinken gerade entronnen, wird er von Fischern in Sicherheit gebracht, deren anfängliche Skepsis erst weicht, als sich das Mitglied des ZK der KP zu erkennen gibt.
Der wegen der roten Blüten in den Gewehrläufen vieler Soldaten weltweit als Nelkenrevolution bezeichnete Befreiungsschlag vom 25. April 1974 wurde von antifaschistischen Militärs ausgeführt, denen die Volksmassen noch in der Stunde der Erhebung zu Hilfe eilten. Der bisher weitreichendste antikapitalistische Vorstoß in einem westeuropäischen Mitbegründerstaat der NATO von etwa der territorialen Größe der DDR erfolgte unter maßgeblicher Beteiligung der 1921 entstandenen und seit 1926 im Untergrund wirkenden Portugiesischen Kommunistischen Partei (PCP). Im Frühherbst 1974 wurden auf ihrem ersten in Freiheit abgehaltenen Parteitag jene 36 ZK-Mitglieder vorgestellt, welche die Partei in den Jahren der Illegalität geführt hatten. Hinter ihnen lagen insgesamt 308 Kerkerjahre!
Geradezu hautnah erleben wir in Klaus Steinigers Buch das Wirken des überragenden Strategen und Taktikers Álvaro Cunhal. Der PCP-Generalsekretär und der lautere Ministerpräsident Vasco Gonçalves begegnen uns im „Alltag der Revolution“. Wir erfahren Entscheidendes über deren historische Errungenschaften: die Nationalisierung von 245 inländischen Banken, Versicherungen und Konzernen; eine tiefgreifende Agrarreform im Landessüden, wo nach der Inbesitznahme der Latifundien durch Landarbeiter und Dorfarmut auf 1,2 Millionen Hektar Boden 550 ausbeutungsfreie Kollektivgüter und Agrarkooperativen entstanden; die Herstellung bürgerlich-demokratischer Verhältnisse; das Ende der Kriege Lissabons in Afrika und des portugiesischen Kolonialismus auf fremden Kontinenten.
Je stürmischer sich die Ereignisse vollzogen, desto heftiger prallten die Klassenkräfte aufeinander. Wir erfahren von den wichtigsten Formationen der Konterrevolution und ihren ausländischen Regisseuren. Da gibt es faschistischen Terror – Bombenleger, Brandstifter und Mörder. Da sind einflußreiche örtliche Kaziken am Werk, welche die Unwissenheit der Menschen ausnutzen, ihnen befehlen, wo sie das Kreuz auf dem Wahlzettel zu machen haben. Da werden Parteibüros der PCP reihenweise abgefackelt. Da gibt es so finstere Gestalten wie den berüchtigten Putschisten und späteren Marschall António de Spínola oder Madeiras faschistoiden Regierungschef Alberto João Jardim, aber auch ultralinke Provokateure vom Schlage Otelos. Die Sturmspitze bildet indes die rechtssozialistische Führungsriege um Mário Soares, dessen PS erst 1973 auf dem Gelände der SPD-nahen Friedrich-Ebert- Stiftung gegründet worden war. Sie sät Lügen, bedient sich des Rufmords, verbreitet Mißtrauen, spaltet die Volksbewegung und die Bewegung der Streitkräfte, sorgt für die Entfernung linker Militärs aus einflußreichen Positionen.
Die Revolution trotzte den Putschversuchen ihrer Gegner, solange das Bündnis des Volkes mit den antifaschistischen Militärs Bestand hatte. Der durch die NATO koordinierte zeitgleiche Angriff ultralinker und rechtsopportunistischer Kräfte brachte sie im Herbst 1975 zu Fall. Der Sturz der letzten Gonçalves-Regierung, die „Umstrukturierung“ des Generalstabs und die Ausschaltung der Militärischen Linken erfolgten Schlag auf Schlag. Mit der Rückgabe des Bodens an die Großagrarier und der schrittweisen Aufhebung der Nationalisierungen wurde das „Portugal des April“ zerstört. Dennoch blieb Wesentliches erhalten: Der portugiesische Kolonialismus fand sein Ende. Die bürgerliche Demokratie konnte verteidigt werden. Die PCP behauptete sich als starke und zielklare Kraft mit beachtlichem Einfluß in der Arbeiter- und Gewerkschafts- bewegung des Landes. Sie ist heute eine der großen marxistisch-leninistischen Parteien der Welt.
Unterdessen gehört Portugal zu jenen Staaten der EU, welche durch Defizit-Verfahren stranguliert werden sollen. Zwei Millionen Portugiesen vegetieren unter- halb der offiziellen Armutsgrenze, die Erwerbslosenquote liegt bei 11 %, die Zahl „prekärer“ Arbeitsverhältnisse wird mit zwei Millionen angegeben.
Die Fronde des westeuropäischen Imperialismus unter Führung der BRD und Frankreichs hat auch durch die Schaffung neuer Möglichkeiten des kollektiven Exports militärischer Repression Vorsorge getroffen, weiteren „Nelkenrevolutionen“ in Westeuropa den Weg verlegen zu können. Die Formierung der EU war nicht zuletzt ein strategischer Reflex auf den 25. April 1974.
„Auch wenn unsere Feinde die Bodenreform zerstört haben, wird das Volk die Erfahrung dieser Jahre niemals vergessen. Der Samen bleibt im Boden. Wir sind zwar ohne die Macht, aber nicht ohnmächtig“, zitiert Klaus Steiniger einen Landarbeiter aus dem portugiesischen Süden. „Die Welt ist nicht zum Stillstand gekommen“, schreibt Vasco Gonçalves drei Wochen vor seinem Tod an den Autor und dessen Familie. „Die Aufgabe der Kommunisten besteht darin, für die Bewußtseinsbildung, Mobilisierung und Verfügbarkeit der Menschen im Kampf zur Verteidigung ihrer legitimen Interessen und der Zukunft des Landes zu wirken ... Wir brauchen Verständnis für die lange Dauer des Geschichtsverlaufs. Da gibt es Vormarsch und Rückzug ...“
So bleibt die Portugiesische Revolution ein Fanal. Sie ist für alle Zeiten in die Geschichtsbücher der Menschheit eingetragen.
Dr. Ernst Heinz

