Ulla Ermen zu »Westreisen«

Roter Brandenburger | Ausgabe September 2011

Werner Paulsen – Westreisen

Bis heute stellt sich das Thema Reisen und Reisefreiheit als das größte Problem dar bei der Verteidigung der DDR. Warum durften die Bürger der DDR nicht einfach in ein westliches Ausland reisen? Warum gab es so strenge Regelungen? Welche Menschen durften in den Westen reisen, und das sogar regelmäßig? Werner Paulsen, ehemaliger Professor für Kriminologie, blickt sehr genau und detailliert auf die Zusarnmenhänge zwischen den »politischen, staatsrechtlichen und sicherheitsrelevanten« Bedingungen, die verantwortlich waren für die strengen Reiseregelungen für das westliche kapitalistische Ausland.

 

Paulsen führt die Reisegründe und die Personenkategorien auf. lm Auftrag der DDR fanden regelmäßig Reisen von Diplomaten und Wirtschaftsvertretern statt. Auch kirchlichen Würdenträgern stellte die Deutsche Demokratische Republik keine Hindernisse auf ihre Wege in den Westen. Die DDR pflegte Kontakte aus kultur- und partnerschaftlichen Gründen, fórderte den Tourismus. Private Reisen in die NATO-Staaten und Berlin-West wurden anfänglich nur Rentnern gestattet, aber mit der Zeit mehr und mehr ausgeweitet.

Hinter den Einschränkungen im Reiseverkehr standen nicht Willkür, sondern politische und
wirtschaftliche Ursachen. »Die Staaten des NATO-Bündnisses beharrten mehr als zwanzig Jahre darauf, die staatliche Existenz der DDR nicht zu respektieren. Vor allem wegen der beharrlichen Weigerung zur Respektierung der DDR-Staatsbürgerschaft durch die Bundesrepublik und andere NATO-Staaten erfolgten Genehmigungen derartiger Reisen deutlich zurückhaltend. Diese Umstände wurzelten im Kalten Krieg, der in der Nachkriegsentwicklung bereits seit 1948 viele zwischenstaatliche Beziehungen störte.« lm Grunde war ia jeder DDR-Bürger potentieller Bürger der BRD. So steht im Artikel 116, Absatz 1 des Grundgesetzes, »Deutscher im Sinne des Grundgesetzes ist … wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling – oder Abkömmling in dem Gebiete des deutschen Reiches nach dem Stand vom 31.12.1937 Aufnahme gefunden hat.« Das kommt nicht nur einer Aberkennung der DDR-Staatsbürgerschaft gleich, es verstieß sogar gegen die Regeln des Völkerrechts. Die Einschränkungen im privaten Reiseverkehr verdankten die DDR-Bürger vor allem Westberlin, dessen »anomale Lage« (Chruschtschow – 18.1.1961 in Wien) für subversive Aktionen gegen die Deutsche Demokratische Republik missbraucht wurde. Trotz Grundlagenvertrag und Ul\lO-Beitritt der DDR und der

BRD in den Siebziger Jahren behandelten die westlichen Alliierten und die Bundesrepublik die
Mauer nicht als Grenze zwischen zwei souveränen Staaten und zwei Systemen, sondern nach wie vor als innerdeutsche Grenze.

lm zweiten Teil geht Paulsen ein auf die Zusammenarbeit zwischen den westlichen Grenzkontrollen und den Geheimdiensten. Jeder Reisende aus der DDR wurde von den westlichen Geheimdiensten registriert und viele geworben. Doch nur sehr wenige der Angesprochenen haben sich zu einer solchen Zusammenarbeit bereit erklärt. Einrichtungen wie der »Allied Travel Office« leisteten den Geheimdiensten dabei hilfreiche Dienste. Gegründet wurde diese Organisation von den Westmächten schon 1943. »Ursprünglich bestand die Funktion dieser Einrichtung in der Ausstellung von lnterzonenpässen.« Nachdem es entgegen den Potsdamer Beschlüssen zur Gründung der Bundesrepublik kam, wurde diese von den USA, Großbritannien und Frankreich als einzige deutsche Regierung betrachtet, die »berechtigt ist als Vertreter des deutschen Volkes in lnternationalen Angelegenheiten zu sprechen.« Der NATO diente der ATO zur Überwachung des Reiseverkehrs von Ost nach West. Später übergab man diese Hoheit der BRD, die sich dadurch berechtigt glaubte, nicht nur Pässe für Reisen in die BRD auszustellen, sondern auch in andere Staaten des westlichen Europas.


Gerade Jetzt kommt dieses Buch wie gerufen. Fünfzig Jahre Mauer. Ein Anlass für Politik und Medien in ganz besonderer Weise über den Niedergang der DDR und ihr unmenschliches System zu triurnphieren, das seine Bürger gefangen hielt. Es steht außer Zweifel, dass die Mauer viel Leid über die Menschen gebracht hat, doch sie verhinderte sinnloseres Blutvergießen durch Krieg. Sie war der Preis für ein friedliches Mit- und Füeinander der Völker Europas und gebot einer rücksichtslosen Hetze und Revanchepolitik sowie einem Ausbluten der DDR durch
die wirtschaftlich stärkere BRD Einhalt. 

Ulla Ermen

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