UZ zu »Portugal im April«

Unsere Zeit | Ausgabe vom 19.8.2011

Erinnern hat an Bedeutung gewonnen
Ein Buch über die Nelkenrevolution


Gern bespreche und empfehle ich ein Buch, das bei allen spannenden Reportagen analytische Erfahrungen und Erkenntnisse über Revolution und Konterrevolution vermittelt, die weit über die Zeit, über die es berichtet, und das Land, von dem es handelt, hinaus von Bedeutung sind. Geschrieben hat es Klaus Steiniger, Genosse, Chefredakteur des "Rot-Fuchs", der uns als Korrespondent, Klassenkämpfe auf vier Kontinenten nähergebracht hat, insbesondere den Prozess gegen Angela Davis, über den er nicht nur geschrieben, sondern begleitend die weltweite Solidaritätsbewegung zur Befreiung unserer amerikanischen Genossin unterstützt hat.

Als Chronist der Nelkenrevolution lässt er uns an dem Triumph vom 25. April 1974 und den entscheidenden fünf Jahren danach, in denen er als Korrespondent in Portugal arbeitete, teilhaben.

 

 

Es ist ein Buch der Erinnerung, das bereits 1982 in der DDR unter dem Titel "Portugal - Traum und Tag" erschienen ist, nunmehr aber in einer erweiterten Fassung vorliegt: Ergänzt durch Notizen seines engen, persönlichen Freundes, des Generals Vasco Gonzales, eines der konsequentesten und integersten antifaschistischen Militärs, in den Jahren 1974/1975 Ministerpräsident, beim Volk beliebt, soweit dieses sich der antikommunistischen Hetze des von den Reichen und Großgrundbesitzern verbündeten katholischen Klerus, des alt- und neufaschistischen Kartells und ihren Medien zu entziehen vermochte, gehasst und gefürchtet von der herrschenden Klasse auch der europäischen Staaten und der USA, deren Wert- und Demokratievorstellungen bis dahin durchaus gut mit dem ältesten Faschistenregime auf dem Kontinent vereinbar waren, mit dem gemeinsam im Rahmen der NATO der "freie Westen" verteidigt wurde. Vasco Gonzales stand für den revolutionär-demokratischen, mit den fortschrittlichen Volksmassen verbundenen Flügel der Bewegung der Streitkräfte, der nicht nur den Krieg in den portugiesischen Kolonien beendete, die faschistische Diktatur hinwegfegte, sondern auch tiefgreifende sozialökonomische Umgestaltungen in Europas Armenhaus realisierte, bis diese dann später Stück für Stück liquidiert wurden. Dazu gehörten neben der auf heftigsten, teils bewaffneten Widerstand stoßenden Bodenreform - begleitet durch Latifundienbesetzungen im Alentejo und Ribatejo -, durch die über 550 Kooperativen und Kollektivgüter entstanden, die Nationalisierung von 245 Banken, Versicherungen und Konzernen und der Schlüsselindustrie.

Erinnern hat an Bedeutung gewonnen. Denn zu den Waffen der Konterrevolution und deren Träger, der erschreckten und deshalb Schrecken verbreitenden Bourgeoisie, gehören seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts neben den üblichen nicht nur die physische Liquidation der um Befreiung Kämpfenden, das Verschwindenlassen der Ermordeten, auch der Versuch, besonders erfolgreich praktiziert und perfektioniert von den chilenischen Putschisten und ihren US-amerikanischen Anleitern, revolutionäre Episoden, ihre Ursachen, Verlauf, ihr Ende und die dazu führenden Verbrechen vergessen zu machen, der Versuch, das Entstehen eines historischen, kollektiven Gedächtnisses selbst an gar nicht so lang zurückliegende Zeiten zu verhindern, durch Lügen, Fälschungen zu manipulieren.

Nichts ist vergessen und niemand - dieses Versprechen, das Patricio Guzmán mit seinen Dokumentarfilmen, zuletzt mit "Nostalgia de la Luz" so großartig auf Chile bezogen, einlöst, verwirklicht Klaus Steiniger im Hinblick auf Portugal, und so handeln seine Reportagen, wie kann es anders sein, von denen, die, allen Verfolgungen zum Trotz, den Kampf gegen die klerikal-faschistische portugiesische Diktatur führten, von ihrer Rolle im illegalen Widerstand und Befreiungsprozess: von Genossinnen wie Catarina Eufémis, 26-jährig, Mutter dreier Kinder und schwanger mit einem vierten, Klassenkämpferin und Kommunistin, die als Sprecherin streikender Schnitter im Alentejo vom Gutsbesitzer angeheuerte Streikbrecher auf ihre Seite zog und deshalb am 19. Mai 1954 erschossen wurde; von Antonio Dias Lourenco - und den Fischern, die ihn - nach seiner Flucht aus dem Festungsgefängnis Peniche durch Kopfsprung in den Atlantik - gerettet hatten -, dem langjährigen Direktor von "Avante", der auch in der Illegalität erstellten Parteizeitung, selbst 17 Jahre in Haft; - von "Ze Magro", 21 Jahre in faschistischer Gefangenschaft, Parteiorganisator auf Madeira und den Azoren - beides Hochburgen der Faschisten und Separatisten auch nach dem 25. April -, Kopf der Befreiung von Alvaro Cunhal, die Antonio Terso mit der von Hitler dem Diktator Salazar geschenkten gepanzerten Limousine durchführte, nachdem es ihm vorher gelungen war, als scheinbar "Bekehrter" - aus Sicht der nicht eingeweihten Genossen "Verräter" - sich das dafür erforderlich Vertrauen der Gefängnisleitung zu erschleichen; von den vielen "Helden ohne Podest", denen Klaus Steiniger nicht nur ein ganzes Kapitel widmet, sondern deren Taten sämtliche seiner Reportagen durchziehen.

Zu den "Helden" gehört im Grunde auch er, der sich immer wieder in die Höhlen faschistischer Löwen und damit in Lebensgefahr begab, um sie mit investigativen Methoden zu entlarven.

Unvergessen bleibt natürlich Alvaro Cunhal, langjähriger Vorsitzender der portugiesischen Genossen, als 17-jähriger Jurastudent der Kommunistischen Partei beigetreten, 13 Zuchthausjahre zumeist in Einzelhaft, die ihn nicht davon abhielten, als Schriftsteller und Künstler zu arbeiten, einer der hervorragenden Strategen der kommunistischen Weltbewegung nicht nur des 20. Jahrhunderts, ein bescheidener, kluger Genosse, der die portugiesischen Arbeiter und Bauern ebenso beeindruckte - von deren Gegnern ganz zu schweigen - wie auch Studenten und Intellektuelle, und das nicht nur in Portugal.

Nichts wird vergessen und niemand heißt auch, über die zu berichten, die unter der Fassade bürgerlicher Demokratie und Geltung der fortschrittlichsten Verfassung Europas die alten Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse, soweit sie nicht den revolutionären Ansturm überstanden hatten, wiederherstellten, die die Revolution der Nelken zu Fall brachten, allen voran die als "Sturmspitze der Konterrevolution agierende sozialistische Internationale unter Willy Brandt" sowie der "westdeutschen Parteienfächer von SPD über FDP bis CDU/CSU". So bedurfte es nicht des unmittelbaren militärischen Einsatzes der NATO, um der Konterrevolution zum Sieg zu verhelfen, wie es ein anderer führender Sozialdemokrat für den Fall angedroht hatte, dass es in Italien zu dem historischen Kompromiss von Kommunisten und Christdemoraten kommen würde. Beide, Willy Brandt und Helmut Schmidt, werden heute nachgerade verehrt und das nicht nur von ihren Genossen, was sicherlich am wenigsten mit Vergessen und historischer Unkenntnis zu tun hat. Wenn in diesen Tagen die Politik der sozialen Demontage, die seit dem Ende des revolutionären Umgestaltungsprozesses von den sich sozialistisch, sozialdemokratisch oder popular etikettierten, im Dienst der Bourgeoisie handelnden Regierungen einen Höhe- und die soziale Lage der erneut zur Arbeitsemigration gezwungenen Portugiesen, die der Jugend, der "Generation der Verarschten", einen Tiefpunkt erlebt, verwundert es nicht, dass kaum in den Analysen der jetzigen Situation reflektiert wird, dass 1974 die Chance bestand, diese Entwicklung zu verhindern.

Doch beweisen gerade der Generalstreik aus dem letzten Dezember, der sich mehr und mehr organisierende Protest die Existenz eines Apathie und Resignation trotzenden Widerstandspotenzials, zu dem nach wie vor eine in der Arbeiterklasse und unter den Bauern verankerte starke und unbeirrt an Klassenpositionen orientierte kommunistische Partei gehört. Klaus Steinigers Buch sei insbesondere den "Nachgeborenen" empfohlen, die nicht wie wir eine Phase großer Siege erlebt haben, und seien es teilweise auch nur vorläufige gewesen, sondern die politisch sozialisiert wurden in einer Zeit der scheinbaren Übermacht und Alternativlosigkeit, Unüberwindbarkeit eines Systems, dessen historische und aktuelle Verbrechen immer wieder und tagtäglich beweisen, dass es nicht reformierbar ist.

"Grandola Vila Morena" von José Afonso, der Catarina Eufémis eines seiner schönsten, schon während der Diktatur gesungenen Lieder gewidmet hatte, war das Signal für den Aufstand 1974. Neue Lieder und Sänger hat die portugiesische Rebellion schon; was noch fehlt hat Ramiro Correia, roter "Capitao do April", Leiter der 5. Division, Sohn eines Hafenarbeiters, der nach seiner Verdrängung aus dem Revolutionsrat seine Dienste als Herzspezialist dem befreiten Mozambique anbot, als Vermächtnis hinterlassen: "Wir möchten frei durch unsere Straßen gehen, die Felder bestellen, den Meeren begegnen, den Flüssen und den Bergen. Wir wollen mit Vertrauen in die Zukunft unsere Kinder an der Hand halten. Wir wollen den Sozialismus für Portugal."

Herbert Lederer

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